Demokratie im Stresstest: Das Forum Offene Gesellschaft in Zeiten voller Umbrüche
Kriege, geopolitische Umbrüche, autoritäre Kräfte, Desinformation: Unsere Demokratie steht unter Druck. Die Leipziger Buchmesse bietet mit dem Forum Offene Gesellschaft deshalb zum vierten Mal eine zentrale Plattform, um die drängenden Fragen unserer Zeit zu diskutieren – in diesem Jahr mit geschärftem Profil. Das Forum rückt hierfür noch stärker als bisher die zahlreichen kontroversen Themen unserer Zeit in den Mittelpunkt. Es bringt auch gegensätzliche Positionen zusammen mit dem Ziel, zu konstruktiven Lösungen und neuen Perspektiven zu gelangen. Offene Gesprächsrunden laden das Publikum zur Beteiligung ein.
Die Autor:innen und Vertreter:innen aus Politik, Kultur, Wissenschaft, Aktivismus und Medien treffen in Halle 5, Stand K500 aufeinander – darunter Politiker:innen wie Roderich Kiesewetter, Marcel Hopp und Stefanie Franzl, die Expert:innen Klaus Brinkbäumer, Miriam Davoudvandi und Prof. Dr. Olaf Müller sowie die Autor:innen Esther Dischereit, Hasnain Kazim und Viktor Jerofejew. Am vielfältigen Programm beteiligen sich das Aktionsbündnis Verlage gegen Rechts, die Bundeszentrale für politische Bildung, das PEN-Zentrum Deutschland, PEN Berlin, das Recherchezentrum CORRECTIV, das Institut français Deutschland sowie das WIR-Festival Halle und die IG Meinungsfreiheit des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Sieben Live-Podcasts und DOK Leipzig, das Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm, unterstützen als weitere Partner.
USA, Nahost, Russland: Welche Antworten verlangt die Welt im Krisenmodus?
Wie soll man mit den USA unter Trump umgehen? Die Journalist:innen Klaus Brinkbäumer, Autor des Buches „Der amerikanische Albtraum“, und Rieke Havertz, Co-Host des ZEIT-Podcasts „OK, America?", nehmen dazu kontroverse Haltungen ein: Während Brinkbäumers Analyse düster ausfällt, spricht Havertz sich für Hoffnung und den Glauben an den Fortbestand des „echten“ Amerika aus. Welche Seite die besten Argumente hat, wird die Live-Folge des Podcasts auf der Buchmesse zeigen. Die Lage im Nahen Osten ist äußert fragil und angespannt. Der Debatten-Podcast „Der zweite Gedanke" (radio 3/rbb) beschäftigt sich unter anderem mit der Frage, ob Israel und Palästina zu einem ewigen Kreislauf der Gewalt verdammt sind. Die Nahostkorrespondentin Steffi Hentschke und der Islamwissenschaftler Rainer Herrmann vertreten dazu unterschiedliche Ansätze, über die sie auf der Leipziger Buchmesse diskutieren werden. Auch die Gesprächsreihe „Zeit zu reden“ hat das Ziel, festgefahrene Argumentationsmuster aufzubrechen, Gewissheiten infrage zu stellen und andere Ansichten anzuerkennen. Denn das fällt in der deutschen Öffentlichkeit gerade beim Thema Naher Osten oft schwer. Die Schriftstellerinnen Esther Dischereit und Nora Haddada sprechen in der LBM-Ausgabe von „Zeit zu reden“ auch darüber, wie sich teilweise verhärteten Positionen zu dieser Frage konstruktiv behandeln lassen. Die Aktivistinnen Jouanna Hassoun und Daniela Sepehri werfen einen Blick auf zivilgesellschaftliches Engagement in Zeiten schrumpfender politischer Handlungsräume am Beispiel von Gaza und Iran.
Was von der Wahrheit bleibt, wenn sich der Macht nichts mehr entgegenstellt, ist Thema des Gesprächs mit dem russischen Schriftsteller Viktor Jerofejew, einem der bekanntesten kritischen Intellektuellen seines Landes. Er stellt seinen furiosen Roman „Die neue Barbarei“ (Matthes & Seitz Berlin) vor und diskutiert mit Literaturagentin Elisabeth Ruge über das heutige Russland, über Macht, Moral und nationale Selbsttäuschung.
Verschiedene Perspektiven auf die Frage, wie sich Demokratie verteidigen lässt
Das Forum Offene Gesellschaft richtet seinen Blick unter anderem auch auf Deutschlands Rolle in der globalen Machtverschiebung und die Frage, was der Rechtsruck und globale Krisen mit unserem Alltag machen. Um möglichst vielseitige Standpunkte dazu zu präsentieren, diskutieren zum Beispiel Vertreter der CDU und SPD miteinander: Roderich Kiesewetter, CDU-Bundestagsabgeordneter und Oberst a.D. der Bundeswehr, tauscht sich mit Marcel Hopp aus, Berliner SPD-Landespolitiker und sogenanntes Gastarbeiterkind. Im Live-Podcast „Aus Politik und Zeitgeschichte“ der Bundeszentrale für politische Bildung geht der Wissenschaftsphilosoph Prof. Dr. Olaf Müller der Frage nach, ob in der heutigen weltpolitischen Lage noch Platz für Pazifismus bleibt.
Dass die Politik den offenen Bruch mit den jungen Menschen im Land vollzogen hat und nur radikaler Protest bleibt – für diese Position steht Carla Hinrichs, Mitbegründerin der Letzten Generation. Sie trifft auf die Junge-Union-Politikerin Stefanie Franzl, die die Demokratie von innen heraus verteidigen will. Gemeinsam mit Podcasterin Sally Lisa Starken streiten sie über Protest, Populismus und politische Verantwortung – aus ganz unterschiedlichen Richtungen.
Zwischen Identität und Heimat – Debatten über Deutschland
Wer sind wir – und wer wollen wir sein? Das diskutieren die Schriftsteller Lukas Rietzschel und Alexander Prinz sowie die Schauspielerin Mai Duong Kieu am Thema Ostdeutschland. Alle drei teilen die ostdeutsche Nachwendeerfahrung, jedoch mit völlig unterschiedlichen Schlussfolgerungen. Rietzschel zeigt in seinem Epos „Sanditz“ (dtv) Brüche und Ambivalenzen. Prinz entwickelt in seinem provokanten Buch „Oststolz“ (Knaur) aus derselben Erfahrung einen kämpferischen Stolz und politischen Aufruf. Und Kieu stellt mit „Im Herzen bist du unbesiegbar“ (Kösel) die Frage: Was bedeutet ostdeutsche Identität, wenn man gleichzeitig mit Migrationsgeschichte in Ostdeutschland aufgewachsen ist?
Wie Flucht und Ankommen in der nicht immer offenen Gesellschaft in Deutschland literarisch verarbeitet werden können, besprechen Autorin Tete Loeper, Überlebende des Genozids in Ruanda, und der aus dem Irak geflüchtete Schauspieler und Fotograf Delschad Numan Khorschid. Eine kontroverse Debatte über Judentum, Islam und die Sehnsucht nach Freiheit in Deutschland liefern sich der ehemalige Grünen-Politiker und EU-Parlamentarier Daniel Cohn-Bendit und der für seine scharfzüngigen Debatten bekannte Autor Hasnain Kazim, ebenfalls im Radio-Podcast „Der zweite Gedanke“ (radio 3/rbb).
Wahrheit und Meinungsfreiheit im digitalen Zeitalter
Welche Art von Journalismus braucht es, um gegen Desinformation und Populismus zu bestehen? CORRECTIV-Gründer David Schraven steht bei dieser Frage der Richterin am Sächsischen Verfassungsgerichtshof Elisa Hoven gegenüber. Sie diskutieren über Medienvertrauen, Deepfakes und die Verantwortung eines unabhängigen Journalismus. Ronen Steinke, Leitender Redakteur der Süddeutschen Zeitung, diskutiert mit Helga Frese-Resch, Co-Sprecherin der IG Meinungsfreiheit, über die Grenzen von Meinungsfreiheit – zwischen notwendigem Schutz vulnerabler Gruppen und der Gefahr von Überregulierung. Dass Wahrheitsfindung auch jenseits der Politik gefragt ist, zeigt der Live-Podcast „Handelsblatt Crime“: Das Investigativ-Team des Handelsblatt berichtet über die spektakulärsten Fälle von Wirtschaftskriminalität in Deutschland.
Die Leipziger Buchmesse findet vom 19. bis 22. März 2026 statt. Tickets sind im Online-Ticketshop erhältlich.