Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung

Der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung zählt zu den wichtigsten Literaturauszeichnungen in Deutschland. Er wird seit 1994 jährlich vergeben und ist mit 20.000 Euro dotiert. Das Preiskuratorium bilden der Freistaat Sachsen, die Stadt Leipzig, der Börsenverein des Deutschen Buchhandels e. V. und die Leipziger Messe. Kooperationspartner ist die Bundeszentrale für politische Bildung.

Der Preis wurde am 16. März 2022 in der Nikolaikirche zu Leipzig verliehen. zur Newsmeldung

Quelle: Leipziger Messe GmbH / Tom Schulze

Karl-Markus Gauß erhält Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2022

Der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2022 wird dem österreichischen Schriftsteller und unermüdlichen Aufklärer Karl-Markus Gauß für sein Buch „Die unaufhörliche Wanderung: Reportagen“ verliehen. Das Buch versammelt feinfühlige Geschichten von besonderen Orten und Menschen in Europa. Es erschien im Oktober 2020 im Paul Zsolnay Verlag Wien.

Die Laudatio zur Preisverleihung hält die österreichische Germanistin, Literaturkritikerin und Essayistin Daniela Strigl.

Verleihung des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung 2022

Begründung der Jury

Europa? Euroskeptiker denken bei der immer wieder von Krisen geschüttelten Europäischen Union an eine Verfallsgeschichte. Europhile denken an eine Erfolgsgeschichte des Zusammenwachsens, an den größten Binnenmarkt der Welt, eine stabile Gemeinschaftswährung, einen Forschungsraum von gewaltiger Innovationskraft. Eurorealisten sehen beides, den beeindruckenden Bau "Europa" wie die Risse im Gebälk.

Wenn Karl-Markus Gauß an Europa denkt – und wahrscheinlich gibt es keinen Schriftsteller in Europa, der öfter und nachhaltiger über dieses unauslotbar vielfältige Gebiet westlich von Russland nachdenkt –, dann denkt er über die Minderheiten nach, die sich immer noch in den Rissen dieses umstrittenen Gebäudes halten: über die Bewohner der Zips und der Batschka, über die chaldäischen Christen in der syrisch-orthodoxen Kirche, die sich Assyrer nennen und möglicherweise im Nebenhaus wohnen, über die Aromunen, die eine eigenständige Sprache sprechen und im Norden Griechenlands, in Bulgarien, Nordmazedonien und Albanien leben, oder über die Roma, die in der Slowakei und überall da zu finden sind, wo man nicht nur die Paragrafen der Ausgrenzung, sondern die (ungeschriebenen) Gesetze der Gastfreundschaft kennt und ihnen einen Platz anbietet.

Alle diese Minderheiten mit ihren seltsamen Sitten, Sprachen, Gebräuchen, Literaturen und Religionen haben in Karl-Markus Gauß, der selbst aus einer sogenannten donauschwäbischen Familie kommt, ihren unermüdlichen, treuen, neugierigen, aufmerksamen Chronisten gefunden. Seit mehr als vierzig Jahren nimmt dieser für seine stilistischen Feinheiten gelobte, jedes besserwisserische Pathos meidende Reisende die kulturellen Verluste (besonders in Südosteuropa) wahr und hält ihnen den historisch angehäuften tatsächlichen Reichtum entgegen. Er leistet die Arbeit eines Sisyphos – das heißt, er weiß auch, dass trotz aller Anstrengungen der mühsam auf den Berg geschleppte Stein wieder hinunterrollt.

Wenn er nicht unterwegs ist, schreibt er in Salzburg Reiseberichte über seine unaufhörlichen Wanderungen, die in mehr als zehn Büchern vorliegen, oder er redigiert die literarische Zeitschrift „Literatur und Kritik“, die er schon seit mehr als dreißig Jahren herausgibt. Und wenn er mal das Haus hüten muss, dann begibt er sich auf eine „Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer“, eines seiner großartigen Bücher. Und da er offenbar wenig schläft, schreibt er auch noch umfangreiche Journale, die einen politisch wachen, parteipolitisch ungebundenen Zeitgenossen zeigen, der gottlob über so viel Ironie und Witz verfügt, dass man sich von ihm gerne in die Abgründe unserer Gesellschaft einführen lässt. Denn kaum einer hat sich so klar gegen Rechtspopulismus ausgesprochen und sich so deutlich für eine humane Flüchtlingspolitik eingesetzt.

Mit der Verleihung des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung wird ein großer europäischer Schriftsteller ausgezeichnet, der die glanzvolle Reihe mitteleuropäischer Preisträger von Aleksandar Tišma bis Claudio Magris fortführt.

Kritisch und fair: Die Jury

  • Skadi Jennicke (Bürgermeisterin für Kultur der Stadt Leipzig)
  • Michael Krüger (Autor, Verleger, Übersetzer, München)
  • Johannes Riis (Verleger, Kopenhagen)
  • Elisabeth Ruge (Autorin, Verlegerin, Literaturagentin, Berlin)
  • Daniela Strigl (Essayistin, Kritikerin, Dozentin, Wien)

Die bisherigen Preisträger:

  • 2021: Johny Pitts (Großbritannien)
  • 2020: László Földényi (Ungarn)
  • 2019: Masha Gessen (USA)
  • 2018: Åsne Seierstad (Norwegen)
  • 2017: Mathias Énard (Frankreich)
  • 2016: Heinrich August Winkler (Deutschland)
  • 2015: Mircea Cărtărescu (Rumänien)
  • 2014: Pankaj Mishra (Indien)
  • 2013: Klaus-Michael Bogdal (Deutschland)
  • 2012: Ian Kershaw und Timothy Snyder (Großbritannien und USA)
  • 2011: Martin Pollack (Österreich)
  • 2010: György Dalos (Deutschland)
  • 2009: Karl Schlögel (Deutschland)
  • 2008: Geert Mak (Niederlande)
  • 2007: Gerd Koenen (Deutschland) und Michail Ryklin (Russland)
  • 2006: Juri Andruchowytsch (Ukraine)
  • 2005: Slavenka Drakulić (Kroatien), lebt in Stockholm, Wien und Sovinjak (Kroatien)
  • 2004: Dževad Karahasan (Bosnien-Herzegowina), lebt in Graz und Sarajevo
    (Anerkennungspreis: Gábor Csordás, Ungarn)
  • 2003: Hugo Claus (Belgien)
    (Anerkennungspreis: Barbara Antkowiak, Deutschland)
  • 2002: Bora Ćosić (Kroatien), lebt in Rovinj (Kroatien) und Berlin
    (Anerkennungspreis: Ludvik Kundera, Tschechien)
  • 2001: Claudio Magris (Italien)
    (Anerkennungspreis: Norbert Randow, Deutschland)
  • 2000: Hanna Krall (Polen)
    (Anerkennungspreis: Peter Urban, Deutschland)

Kontakt

Geschäftsstelle Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung
c/o Stadt Leipzig Dezernat Kultur
Frau Karin Rolle-Bechler

Tel.: +49 341 123-4207
E-Mail: buchpreis@leipzig.de
Website: www.leipzig.de/buchpreis

Impressionen der Preisverleihung 2022