Die Kunstausstellung ARCHITEKT von Jürgen Meier setzt bei der verbreiteten These an, der Städtebau der DDR sei ein nationales Gemeinschaftsprojekt gewesen – und legt deren Brüchigkeit offen. Leipzigs Stadtplanungen der 1970er Jahre erscheinen hier nicht als Ausdruck kollektiver Vernunft, sondern als konfliktreiches Geflecht aus politischen Vorgaben, bürokratischen Routinen und punktuellen architektonischen Ambitionen. Die vermeintliche Planmäßigkeit entpuppt sich als rückblickende Konstruktion. Am Beispiel der Erweiterungsbauten der Leipziger Stasi-Zentrale und der Volkspolizei am Matthäikirchhof zeigt er dieses geordnete Caos exemplarisch. Als Relikte der Repräsentationsarchitektur der DDR stehen sie für die Ost-Moderne der 1970er Jahre. Nach außen suchen sie den Dialog mit konkreter Kunst von Karl Heinz Adler und Friedrich Kracht, nach innen bleiben sie roh, funktional, brutalistisch. Die zur Innenstadt gewandten Fassaden sind mit Betonformarbeiten und einem umlaufenden Syenitfries der Dresdner Künstler gestaltet, die einen direkten Bezug zur Aluminium-fassade des ehemaligen KONSUMENT-Kaufhauses von Harry Müller haben. Die Buchvorstellung und die Diskussion laden dazu ein, Architektur nicht nur als gebaute Form, sondern als politisches und gesellschaftliches Dokument ihrer Entstehungszeit zu lesen – und den Matthäikirchhof neu zu betrachten. Sie geht auch der Frage nach: ob die Erweiterungsbauten am Matthäikirchhof exemplarisch für die Ost-Moderne in Leipzig stehen – oder ob sie vielmehr die inneren Wiedersprüche des DDR-Städtebaus sichtbar machen. Auch die Bedeutung der Ost-Moderne für die Stadtgestaltung der Gegenwart soll an diesem Beispiel diskutiert werden, steht doch in naher Zukunft eine Umgestaltung dieses seit über 40 Jahren weitgehend unveränderten Areals an.
Begrüßung: Gerdt Fehrle, Vorstand der LuP-Stiftung An dem Podiumsgespräch unter der Moderation von Sven-Felix Kellerhoff (Geschichtsredakteur „Die Welt“) nehmen neben Jürgen Meier (Künstler) Prof. Daniela Spiegel (Bauhaus-Universität Weimar), Diana Felber (Architektin, Netzwerk Ost-Moderne), Thomas Dienberg, (Baubürgermeister der Stadt Leipzig) und Dr. Ulrike Wendland (Leiterin der Geschäftsstelle des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz) teil.