Warum braucht man in den 20er-Jahren des 21. Jahrhunderts Frauen*- und feministische Utopien?
Beschreibung
Anhaltende und neue Kriege, ungleiche Verteilung der wichtigsten Güter, Freiheiten und Rechte, Armut, Hunger, mangelnder Zugang zu Gesundheitsversorgung und Bildung, unwürdige Behandlung am Arbeitsplatz und im Alltag sowie die Erschöpfung des natürlichen Reichtums und der natürlichen Vielfalt bestimmen die Räume, in denen sich Utopien heute artikulieren. Darüber hinaus werden Utopien in einer Situation zunehmender Komplexität der gesellschaftlich-natürlichen Beziehungen sowie der Individualisierung, der Vervielfältigung sozialer Rollen und Formen des Selbstverständnisses unweigerlich zur Behauptung von neuen Lebensweisen, sozialen Gruppen und Gemeinschaften. Frauen* spielen in dieser Vielstimmigkeit eine immer größere Rolle.
«Ich will eine Präsidentin.». Der Fall Belarus Die in Berlin lebende belarusische Künstlerin Marina Naprushkina hat die feministische Utopie für die belarusische Gesellschaft im Jahr 2021 wie folgt beschrieben: «Ich will eine Präsidentin, die Hausfrau, Putzfrau, Lehrerin, Krankenschwester, Hebamme ist. Eine Arbeitslose, Rentnerin, kinderlos, Mutter von fünf Kindern, die alleine erzieht. Eine Frau, die eine Frau liebt. Eine Präsidentin in Rock, Hose, Trainingsanzug. Eine Präsidentin, die nicht über die Nation spricht, die keine Papiere hat, die nicht weiß ist, deren Verwandte und Freunde nicht über die Nation sprechen». Mit diesen Worten beginnt das von ihr geschaffene Text-Artwork «Ich will eine Präsidentin» , dass nach ihren eigenen Worten eine Hommage an den Text «I want a president» der amerikanischen Künstlerin Zoe Leonard aus dem Jahr 1992 sowie eine Hommage an die belarusische Musikerin und Aktivistin Maria Kalesnikava ist. Im Juli 2020, einen Monat vor den für den 9. August angesetzten Präsidentschaftswahlen in Belarus, unterstützte Maria Kalesnikava die Hausfrau (mit Hochschulausbildung) Svjatlana Tsichanouskaja, die beschloss, für das Amt des Präsidenten der Republik Belarus zu kandidieren. Auslöser für diese Entscheidung von Svjatlana Tsichanouskaja war die Verhaftung ihres Mannes Sjarhej Tsichanouskij, der sich schon früher entschlossen hatte, bei diesen Wahlen gegen Lukašenka anzutreten, und deshalb bereits Ende Mai 2020 verhaftet wurde. Maria Kalesnikava war Mitglied des Wahlkampfteams eines anderen Präsidentschaftskandidaten, Viktar Babarika, der bis Mitte Juni 2020 mehr als 400.000 Stimmen zu seiner Unterstützung gesammelt hatte, bevor er verhaftet und zu einer langen Haftstrafe verurteilt wurde. Zu den beiden Frauen gesellte sich eine dritte – die Managerin Veranika Tsepkala, die das Wahlkampfteam des dritten prominenten Präsidentschaftskandidaten und ihres Mannes Valerij Tsepkala leitete. Als dieser vom belarusischen Regime bedroht und aus dem Rennen um die Präsidentschaftskandidatur ausgeschlossen wurde, beschloss seine Frau, Veranika Tsepkala, Svjatlana Tsichanouskaja ebenfalls zu unterstützen. Diese drei sehr unterschiedlichen Frauen – eine Musikerin, eine Hausfrau und eine Managerin – bildeten das so genannte „vereinigte Frauen*team“, das der gesamten belarusischen Gesellschaft einen entscheidenden Impuls gab, aktiv zu werden und es dieser Gesellschaft ermöglichte, sich eine Frau* als Präsidentin vorzustellen.