11.03.2026 Leipziger Buchmesse

Fokusthema Donau: Zeit und Wandel – Strom der Geschichte

„Donau – Unter Strom und zwischen Welten“ ist das diesjährige Fokusthema der Leipziger Buchmesse. Auf der Donaubühne spiegelt sich die Vielstimmigkeit dieses literarischen Raums mit Perspektiven, die seine kulturelle Tiefe, seine Spannungen und seine erzählerische Kraft sichtbar machen. In den zehn Ländern, die die Donau durchfließt, haben sich im Laufe der Jahrhunderte Herrschaften, politische Systeme und mitunter sogar Landessprachen verändert. Reiche stiegen auf und gingen unter, Grenzen wurden verschoben, Identitäten neu definiert. Diese historischen Veränderungen bilden einen der vier zentralen Themenkomplexe des Fokusthemas.

Bestes Beispiel ist die Republik Moldau, die im Laufe der Geschichte immer wieder den Rahmen gewechselt hat: Fürstentum, Teil Rumäniens, Sowjetrepublik, eigenständige Republik, EU-Beitrittskandidat. Iulian Ciocan beschreibt in seinen dystopischen Romanen das Leben in einem dysfunktionalen Staat im Schatten der Bedrohung durch Moskau. Auf der Leipziger Buchmesse präsentiert er sein aktuelles Werk „Die Königin der Kelche“, übersetzt von Julia Richter (Noack & Block, 2025).

Im Donauraum bleibt das Vergangene als Sediment erhalten. In Gebräuchen und Alltagsritualen, in Küchen, Dialekten und Erzähltraditionen wirken frühere Epochen fort. Das Osmanische Reich hat ebenso Spuren hinterlassen wie die Donaumonarchie oder die sefardische Kultur der 1492 von der iberischen Halbinsel vertriebenen Jüd:innen. Geschichte verschwindet nicht – sie lagert sich ab, vielschichtig, widersprüchlich, lebendig. Wie ausführlich die Vergangenheit, die Verbrechen der SS-Division Prinz Eugen, die SS-Mitgliedschaft des donauschwäbischen Großvaters unter einem Dutzend Trachtenröcken beschwiegen werden kann und „kontaminierte Orte“ des Verbrechens (Pollack) verfallen, davon erzählt die Wiener Autorin Katherina Braschel in ihrem Debütroman „Heim holen“ (Residenz, 19.01.26). Die Enkel:innen machen die Wühlarbeit im Archiv. Aber was sie finden, ist keine Erzählung in Schwarz-Weiß. Aus „Volksdeutschen“ wurden selbst Opfer und Flüchtlinge.

In seinem „Buch der Gesichter“ (Paul Zoslnay, 2025) begibt sich auch der in Serbien geborene und heute in Wien lebende Autor Marko Dinić nach Zemun, heute ein Belgrader Stadtteil, früher das donauschwäbische Franztal. In dem literarischen Wimmelbild finden sich Donauschwäb:innen, Partisan:innen, Anarchist:innen, Zionist:innen und sogar ein Hündchen, das ein Halsband mit hebräischen Buchstaben trägt. Ausgangspunkt der Geschichte ist der Tag, als die deutschen Besatzer:innen Serbien für „judenfrei“ erklären. Dinić spannt einen Bogen der Gewalt bis in die Kriege der 1990er Jahre.

Im Donauraum stehen orthodoxe neben katholischen und evangelischen Kirchen, am Freitag ruft der Muezzin, am Samstag wird Schabbat gefeiert. Religiöse Vielfalt prägt Städte und Landschaften – und wurde zugleich immer wieder instrumentalisiert, um Konflikte zu schüren. Kriege beginnen selten laut; oft kündigen sie sich als Hintergrundrauschen an und hinterlassen Verwüstungen, die lange nachhallen. So schreibt die kroatische Architektin Ena Katerina Haler in ihrem Roman „Die Schuldlosen“ (Ü: Klaus Detlef Olof, Folio, 20.02.26) über die Verwüstungen der Jugoslawien-Zerfallskriege in den Beziehungen und Seelen der Menschen. Flüchtlinge kehren in ihre zerstörte Heimat im Grenzgebiet Kroatien-Bosnien zurück, die Landschaft spiegelt sich im Innern wider. Eine Coming-of-Age-Geschichte in verwüsteter Kulisse.

Die Literatur aus dem Donauraum nimmt all diese Spannungen auf. Sie erzählt von Macht und Ohnmacht, von Nachbarschaft und Feindschaft, von der Zerbrechlichkeit des Zusammenlebens – und von der Beharrlichkeit kultureller Erinnerung. Der Wiener Autor Daniel Zipfel bringt in „Walküre“ (Leykam, 03.02.26) Kriegsverbrechen in einen globalen Zusammenhang. Vor der Leinwand der Flüchtlingskrise von 2015/2016 kreuzen sich die Wege eines mutmaßlichen Assad-Schergen mit der Gestapo-Großmutter des Protagonisten – Flüchtlingsberater wie Daniel Zipfel selbst. Ein brillant komponierter Roman, der vergangene Umwälzungen mit den Herausforderungen der Gegenwart in Szene setzt. Er zeigt: Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind nicht lokal auf einen Raum begrenzt, sondern springen über Grenzen – wie Täter und Opfer. Schuld ist so universal wie Menschenrechte auch.

Welche Stimmen, welche Erfahrungen und welche Hoffnungen senden die Länder entlang der Donau aus? Die Leipziger Buchmesse will sie hörbar machen: als literarische Botschaften aus einem Raum, der wie kaum ein anderer von Umbrüchen geprägt ist – und gerade darin seine kreative Kraft entfaltet.

Das Fokusthema „Donau – Unter Strom und zwischen Welten“ findet in Halle 4 auf einer eigenen Bühne und an allen Messetagen statt. Rund 85 Buchpräsentationen, Gespräche, Podiumsdiskussionen und weitere Formate (davon 33 auf der Bühne) widmen sich dort den vier Themenschwerpunkten: „Zwischen Brücke und Grenze“, „Kulturen, Konflikte, Kräfte – Identität im Wandel“, „Wasserlinien – Lebens(t)räume“ und „Zeit & Wandel – Strom der Geschichte“. Kurator ist der frühere ARD-Südosteuropa-Korrespondent Stephan Ozsváth. Das Programm wird von zahlreichen Partnern unterstützt, darunter das Auswärtige Amt, die Bundeszentrale für politische Bildung, das Goethe-Institut, TRADUKI, die Stadt Leipzig sowie Kulturinstitutionen des Donauraums.

Weitere Informationen und den Link zum Fokusthema-Podcast „Donau-Flaschenpost“ sind auf der Website der Leipziger Buchmesse zu finden .

Die Leipziger Buchmesse findet vom 19. bis 22. März 2026 statt. Tickets sind im Online-Ticketshop erhältlich.

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Felix Wisotzki
Portraitfotografie Felix Wisotzki
Pressesprecher
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