Fokusthema Donau: Kulturen, Konflikte, Kräfte – Identität im Wandel
Die Leipziger Buchmesse richtet ihren Fokus in diesem Jahr auf die mehr als 2.800 Kilometer lange Donau und auf alles, was gesellschaftlich, historisch und politisch links und rechts von ihr geschieht bzw. geschehen ist. Unter dem Motto „Donau – Unter Strom und zwischen Welten“ präsentiert die Buchmesse mit rund 24 Veranstaltungen auf einer eigenen Bühne die literarische Vielfalt der Donauländer, ihre Unterschiede und Gemeinsamkeiten, ihr Glück und ihren Schrecken. Die eingeladenen Autor:innen geben tiefe Einblicke in diese Ambivalenz und machen die Entwicklungen, die sowohl historisch als auch gegenwärtig die Donauregion prägen, für das Publikum erlebbar.
Die Freude über den Fall des Eisernen Vorhangs 1989 währte im Donauraum nur kurz. Kaum war eine Grenze gefallen, wurden neue gezogen: Die Zerfallskriege Jugoslawiens zerschnitten Landschaften, Städte und Biografien. Davon erzählen in ihren Romanen die Kroatin Ena Katerina Haler („Die Schuldlosen“, Folio Verlag, ET: 20.02.26, Ü: Klaus Detlef Olof) und der Serbe Bojan Krivokapic („Villa Fazanka“, eta Verlag, 01.03.2026, Ü: Elvira Veselinović). „Welche Zukunft?“ fragen sie im Namen der jungen Generation. Die Serbin Maja Iskra schlägt sich im Wortsinne durch: „Uppercut“ (Zsolnay, 17.02.26, Ü: Mascha Dabić, Maja Iskra), der Haken von unten – er gilt den Mächtigen in Serbien, einer Gesellschaft, die nichts als Verwüstung und schale Träume von Großserbien hinterlassen hat. Das macht wütend. Alte Sehnsüchte nach Großreichen blieben lebendig, und mit ihnen die Angst vor neuer Gewalt. Heute durchzieht den Donauraum erneut eine allgemeine Kriegsunruhe, ausgelöst durch das aggressive Auftreten Russlands und seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine.
Die meisten Anrainerstaaten der Donau gehören inzwischen zur Europäischen Union oder stehen an ihrer Schwelle, einige sind Teil der Nato. Doch wie tragfähig sind diese Bündnisse noch? Sind die USA verlässliche Verbündete, oder steht Europa vor der Aufgabe, sich selbst zu schützen? Der Donauraum wird erneut zur Prüfzone politischer Ordnungen und geopolitischer Loyalitäten. Wenn Viktor Orbán erklärt, „die Fackel des Westens ist erloschen“, stellt sich die Frage, ob hier nur Provokation spricht – oder eine düstere Diagnose der Gegenwart. Das Debüt von Muri Darida („King Cobra“, dtv, ET: 12.03.26) betrachtet die illiberale Zwischenwelt des Viktor Orbán durch eine queere Brille. Minderheiten sind der Lackmus-Test jeder Gesellschaft – geht es ihnen gut, ist die Gemeinschaft gesund. Vor den Gefahren der Sozialen Medien als Werkzeug der Desinformation warnt Michal Hvorecky („Dissident“, Tropen, ET: 14.03.26). Er ist in der Slowakei zur Gallionsfigur des Widerstandes von Kulturschaffenden gegen eine gesellschaftliche Rolle rückwärts geworden.
Der Donauraum wird zum Resonanzraum des Wandels: Eine Ukraine, die wie David gegen Goliath um ihre Eigenständigkeit kämpft. Ungar:innen, die Orbán bei der Wahl am 12.04. in den Ruhestand schicken könnten. Serb:innen, die seit Monaten protestieren. Moldauer:innen, die der russischen Destabilisierung standhalten. Die Wirklichkeit wird immer absurder, das erleben wir tagtäglich in den Nachrichten. Der Moldauer Iulian Ciocan („Die Königin der Kelche“, Edition Noack & Block, Dezember 2025, Hrsg. und Ü: Julia Richter) fügt dem noch ein paar komische Umdrehungen hinzu. Denn Lachen ist die beste Medizin gegen einen beklemmenden Alltag aus Desinformation, Korruption und die sehr konkrete Bedrohung durch russische Soldat:innen am anderen Ufer des Dnjestr und bezahlte Demonstrant:innen.
Hinhören und Hinsehen wird zur Aufgabe. Die Leipziger Buchmesse will mit ihrem Fokusthema diesen Stimmen einen Raum geben – als Einladung, die Zwischenwelt nicht nur zu beklagen, sondern als Möglichkeit zu begreifen.
Das Fokusthema „Donau – Unter Strom und zwischen Welten“ findet in Halle 4 auf einer eigenen Bühne und an allen Messetagen statt. Rund 24 Buchpräsentationen, Gespräche, Podiumsdiskussionen und weitere Formate widmen sich dort den folgenden vier Themenschwerpunkten: „Zwischen Brücke und Grenze“, „Kulturen, Konflikte, Kräfte – Identität im Wandel“, „Wasserlinien – Lebens(t)räume“ und „Zeit & Wandel – Strom der Geschichte“. Kurator ist der frühere ARD-Südosteuropa-Korrespondent Stephan Ozsváth. Das Programm wird von zahlreichen Partnern unterstützt, darunter das Auswärtige Amt, die Bundeszentrale für politische Bildung, das Goethe-Institut, TRADUKI, die Stadt Leipzig sowie Kulturinstitutionen des Donauraums.
Weitere Informationen und den Link zum Fokusthema-Podcast „Donau-Flaschenpost“ sind auf der Website der Leipziger Buchmesse zu finden.
Die Leipziger Buchmesse findet vom 19. bis 22. März 2026 statt. Tickets sind im Online-Ticketshop zum Frühbuchertarif erhältlich. Der reguläre Vorverkauf beginnt am 19. Februar 2026. Vom 18. bis 22. März 2026 gelten die regulären Messepreise.