Zur Sprachwahl
Zur Metanavigation
Zur Sucheingabe
Zur den Bannertabs
Zur Hauptnavigation
Zum Inhalt
Login
Login

Bitte füllen Sie die Felder aus. Angaben mit einem * werden benötigt.

an mich erinnern
Mein Profil
Header Mobile Header

    Kategorie Sachbuch/Essayistik: Helmut Lethen: „Der Schatten des Fotografen“

    13.03.14 | 16:56 Uhr | Leipziger Messe | Leipziger Messe

    Helmut Lethen, geboren 1939, leitet seit 2007 das Internationale Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien. Sein Buch „Verhaltenslehre der Kälte“ (1994) über die Intellektuellen in der Weimarer Republik gilt als Standardwerk. 2006 erschien seine Gottfried-Benn-Biographie „Der Sound der Väter“.

    Zur Begründung

    Wir alle sind von Bildern umgeben und umstellt. Weil das so ist, bleibt uns im Alltag kaum etwas anderes übrig, als ihnen einfach zu glauben. Oder, die andere Möglichkeit, wir misstrauen den Bildern fundamental. Die Aufgeklärten unter uns (und wer würde sich selbst nicht gern aufgeklärt nennen?) finden aus dem Labyrinth der Bilderskepsis kaum heraus: Welche der Konfliktparteien in Istanbul oder in Kiew hat die Bilder für den Videoclip im Nachrichtenportal geliefert? Ist das Material bearbeitet? Stammen die Pixel aus einer Waffe? Nichts ist nützlicher in dieser Lage als eine Verhaltenslehre des Sehens, wie sie Helmut Lethen in seinem neuen Buch „Der Schatten des Fotografen“ vorlegt. Nicht, dass man sich mit diesem Buch durch Youtube-Videos klicken würde. Seine Welt ist vielmehr das Zeitalter der Fotografie. Bilder von Fotografen wie zum Beispiel Robert Mapplethorpe; Werke von Künstlern wie Marina Abramovic oder Bruce Nauman; dokumentarische Bilder von Fotojournalisten wie Robert Capa oder Dorothea Lange; Filme von Alain Resnais oder des italienischen Neorealismus; das Bilder-Denken von Siegfried Kracauer oder Roland Barthes: Dies sind nur einige der Bild-Quellen, aus denen Helmut Lethens Buch sich speist. Höchst unterschiedliche Quellen offensichtlich. Denn Bilder – so sagt es der Literaturwissenschaftler Lethen mit dem Bildwissenschaftler Hans Belting –, Bilder sind Nomaden, die ihre Zelte in verschiedenen Medien aufschlagen. Was die so unterschiedlichen Bilder in diesem Buch zusammenhält, ist nicht nur die ebenso sinnliche wie analytische Weise, in der Lethen seine Bilder betrachtet. Es ist auch die bohrende Frage nach ihrer Wirklichkeit. Eine Frage, die umso bohrender klingt, insofern sie ein Autor aus einer Generation stellt, die einst lernte und lehrte, dass Zeichen auf nichts anderes verweisen als auf andere Zeichen. In diesem Buch gibt es Bilder, die emphatisch zeigen, dass hinter ihnen genau nichts zu finden sei; Bilder, die als Schwindel erregende Ironie-Maschinen fungieren. Doch was die insistierende Frage nach dem Dahinter bei anderen Bildern ergibt, ist nichts anderes als existenziell. Die Frau, die auf dem Cover des Buches abgebildet ist, watet mit nackten Füßen durch einen Fluss, Richtung trockenes Ufer. Ein idyllischer Anblick (eine Schäfer-Szene?). Erst der karge Hinweis auf der Rückseite des Fotos – „Minenprobe … 1942“ – macht die Frau sichtbar als das, was sie war: vorgeschickt von Soldaten an der Ostfront, als lebendiges Minensuchgerät.

    „Sollte ich Extremsituationen leibhaftig erfahren haben, sind sie mir offenbar nicht so in die Knochen gefahren wie angsteinjagende … Bilder oder Filme“, schreibt Helmut Lethen. Bilder können ihm wie Wackersteine in der Brust liegen – oder auch erotisch anmutende Berührungen mit der Wirklichkeit ermöglichen. Dieses berührbare Autor-Ich nimmt die Leserin, den Leser mit durch dieses Buch. Wir hören, wie der Schüler in den Fünfzigerjahren im Kino von den Nazi-Verbrechen erfuhr. Wir sitzen dabei, wenn er zur Zeit der Niederschrift dieses Buches in einer Wiener Netzhaut-Ambulanz auf seine Behandlung wartet. Und vor allem sehen wir, wie er denkend mit den Bildern ringt. Wenn man dieses Buch als Verhaltenslehre des Sehens bezeichnet – als nützliche, sinnliche, analytische Verhaltenslehre des Sehens –, dann nur, wenn man einen Aspekt noch ergänzt. Nichts Autoritäres gibt es hier, im Gegenteil. „Der Schatten des Fotografen“, das ist eine Lehre zum Mitdenken; anregend noch lange nach der Lektüre. Vielen Dank dafür und – herzlichen Glückwunsch, Helmut Lethen!

    Kontakt


    Tel.: +49 341 678-8240
    Fax: +49 341 678-8242

    Mail-Adresse: info@leipziger-buchmesse.de

    domimage

    Kontakt Messeteambutton image

    Seite drucken
    Zurück nach oben
    Impressum| Datenschutz und Haftung| Leipziger Messe GmbH, Messe-Allee 1, 04356 Leipzig. © Leipziger Messe 2016. Alle Rechte vorbehalten